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WARUM EIN TANTRISCHER WEG?

Die Seele des Menschen ist eingebunden in das Spannungsfeld zwischen dem (göttlichen) Geist im Inneren (dem Lichtpol) und der körperlich-sinnlichen Welt im Außen (dem Gegenpol). Erleuchtung ist der Zustand, in dem die Seele nach einer ungeheuren Willensschulung in der Lage ist, den Verlockungen der Welt (der Materie, des „Satans“) zu widerstehen, sich dem (göttlichen) Geist zuwendet und sich mit ihm vereint (in der christlichen Terminologie als „Wiedergeburt im Geiste“ bezeichnet). Alle Seelen, die sich als „Kinder Gottes“ zu ihrer wahren Gottähnlichkeit entwickeln wollen, durchlaufen die leibliche Menschwerdung zum Zwecke der Bewusstwerdung im „Sündenfall“ und der Willensschulung in der Überwindung desselben. Letztere besteht in der Meisterung der Verlockungen der Materie (des Fleisches, des Sinnlichen, des Triebhaften, des Materiellen). Deshalb spielt die materielle Welt in diesem Übungsfeld der Dualität die Rolle des „Bösen“, dem der Mensch zum Zwecke der Entwicklung eines Erfahrungsbewusstseins (von „gut“ und „böse“) zunächst einmal erliegen muss. Erst dann hat er erlebt, welcher Verführung er aufgrund einer freien Willensentscheidung widerstehen muss, um „Samsara“ zu überwinden, den endlosen Kreislauf von Geburt, Tod und Wiedergeburt, in welchem er gefangen bleibt, solange er sich in Nicht-Erkenntnis seines wahren geistigen Wesens mit seiner körperlichen Existenz identifiziert.

Eine Möglichkeit bietet der „keusche“ oder „fromme“ Weg, der die „Welt“ (das Materielle, die Sinnlichkeit, die Sexualität) meidet. Dieser ist unbedingt erforderlich, solange ein Mensch die Dualität (seinem Entwicklungsstand entsprechend) zur Ich-Entwicklung und Bewusstwerdung braucht. Die genannten weltlichen Bereiche müssen „verteufelt“ werden und bleiben dem Gegenpol zugehörig. (Zu der Zeit, als Jesus auf Erden wandelte, entsprach dies dem allgemeinen Entwicklungsstand der ganzen Menschheit jener Region). Es ist also zunächst einmal erforderlich, der Verführung dadurch zu widerstehen, dass man sie meidet und sich damit aus ihrem Einflussbereich herausentwickelt. Aus dieser Willensschulung erwächst eine gewisse Ich-Stärke. Über Vermeidung des „Dunklen“ sind auf diesem Pfad Erleuchtungserfahrungen möglich. Die Ebene der Dunkelheit wird dabei zurückgelassen, die Dualität bleibt aber bestehen (sie wird genaugenommen dadurch erschaffen). Dies entspricht der „alten Energie“, dem alten Bewusstsein.

Die andere Möglichkeit besteht in dem tantrischen Weg. Der Tantriker meidet nicht die Versuchung, sondern begibt sich in höchst disziplinierter und bewusster Haltung mitten in sie hinein, um sie zu meistern. Das bedeutet, ihr die Macht zu entreißen. Das „Dunkle“ wird aus seinem Kerker befreit und in Licht verwandelt. Dieser Weg ist jedoch erst dann fruchtbar, wenn sich die Seele bereits genügend von der Gefangenschaft der Materie losgemacht hat. Dann erst kann der Gegenpol transformiert und als solcher aufgelöst werden. Der bislang verbotene „Baum der Erkenntnis“ wird von der Gottheit gesegnet und vom Menschen geheiligt. Das Böse kann in diesem Erkenntnisprozess als notwendig und sinnvoll verstanden und integriert werden. Die harte, feindselige Dualität wird von einer milderen Form, einer Polarität abgelöst und die Gesetzeswelt durch die Liebe überwunden. Dies entspricht dem neuen Bewusstsein, der „neuen Energie“.

Es gibt einen weiteren Grund für die Notwendigkeit des tantrischen Pfades. In aller Schöpfung stellt, wie dargelegt, die äußere Welt der Materie den Gegenpol zum „Licht“ dar. Dieser wird im Innerpsychischen des Menschen durch das „Ego“*  vertreten, welches sich die Verlockungen der Welt zunutze macht. Das Ego ist jene Instanz, die mit einem vermeintlichen „Erlösungsplan“ arbeitet, der immer in die Irre führt. Es ist aus dem Getrenntsein erwachsen, verspricht das Heil im Eigenmächtigsein, in der Überlegenheit und in der Macht über andere. Von der eigenen inneren (göttlichen) Quelle abgeschnitten, braucht es die Energie (Aufmerksamkeit) anderer Menschen, welche es zu diesem Zwecke manipuliert. Der Teufelskreis besteht darin, dass es, um seine Macht nicht zu verlieren, stets für das Aufrechterhalten des Abgetrenntseins sorgen muss. (Es ist damit die Gegenkraft zur Liebe, welche immer verbindet.) Um seine Ziele zu erreichen, arbeitet das Ego mit Angst, Schuld, Verurteilung etc. Das Ego ist ungeheuer spitzfindig und gewitzt, außergewöhnlich lernfähig und zu jeder Anpassung bereit. Es macht sich augenblicklich alle neuen Erfahrungen, selbst „hehre“ Motive und gerade auch spirituelle Erkenntnisse zunutze. Um seine Ziele zu erreichen, tarnt es sich, wechselt immer wieder die Seiten und ist damit schwer zu erkennen. Seine raffiniertesten Verkleidungen sind die moralische, die heilige und die göttliche.

Ein Beispiel, wie das abläuft: In individuellen (oder kollektiven) Phasen der Lasterhaftigkeit und des sittlichen Verfalls („Sodom und Gomorrha“) führen die Empfehlungen eines keuschen Wegs zum Licht. In diesen ursprünglich ethisch sinnvollen Rat schleicht sich dann der Widersacher, das Ego ein, macht daraus ein sinnes-, leib- und liebesfeindliches Verbot und übt damit Unterdrückung und Macht aus. Ein gnadenloses und knechtendes Über-Ich (eine weit verbreitete Facette des Egos) entsteht. Die Sexualität wird nicht überwunden, sondern unterdrückt, was entweder eine Besessenheit schafft oder in eine Neurose mündet. (Was du unterdrückst, beherrscht dich!) Das Ego hat gewonnen, denn solange es die Sexualität unterdrückt, kann man sich nicht von ihr befreien.

Hier bietet der tantrische Pfad einen Weg aus dieser Sackgasse. Er macht sich im Dienste des Hohen Selbst die Taktik des Egos zunutze (siehe das Sprichwort: „den Teufel mit dem Beelzebub austreiben“), wechselt die Seite und heiligt die zuvor verteufelte Körperlichkeit, Sinnlichkeit und Sexualität. Damit bietet er auch eine Grundlage für ihre Heilung.

Welcher Weg nun im Einzelfall einzuschlagen ist, kann mit Hilfe des bisher Dargelegten jede(r) für sich entscheiden, Wer den tantrischen Pfad wählt, sei jedoch gewarnt, dass sich auch hier das Ego wieder einzuschleichen versucht, indem es unter dem Deckmantel von Spiritualität dazu verführt, unachtsam der körperlichen Lust zu frönen.

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* Ego ist am besten als Abkürzung für Egozentrik zu verstehen. Es darf nicht mit dem Ich verwechselt werden, dem äußeren Selbst, also der Summe jener Funktionen, die es dem Menschen ermöglichen, sich in einer physisch manifestierten Außenwelt zurechtzufinden (z.B.: Denken, Fühlen, Entscheiden, Urteilen, Wollen, Handeln, etc.)